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Boards of Canada

Album: 
Inferno

„Inferno“ ist das erste Album von Boards of Canada nach dreizehn Jahren Pause: 18 Stücke über Glauben, Prophezeiung und Angst, gebaut aus Predigten, Gebeten und verfremdeten Stimmen. Wo das schottische Duo früher mit Nostalgie und Unschärfe arbeitete, setzt es hier auf offene Bedrohung und einen klaren, harten Klang.

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review

01 Kontext

Boards of Canada sind das schottische Duo Mike Sandison und Marcus Eoin. „Inferno“ ist ihr fünftes Studioalbum und das erste seit „Tomorrow’s Harvest“ von 2013. Sandison hat es in ihrem Studio Hexagon Sun in den Pentland Hills produziert, erschienen ist es am 29. Mai 2026 bei Warp. Vorab kamen im April „Deep Time“, zunächst als „Tape 05“, und im Mai das Paar „Introit“ und „Prophecy at 1420 MHz“. Interviews gab das Duo keine. Stattdessen gingen unbeschriftete VHS-Kassetten an frühere Warp-Kunden, und in Städten weltweit hingen Plakate.

02 Das Album

Die 18 Stücke dauern knapp 70 Minuten und laufen laut The Skinny wie eine durchgehende Suite. Die erste Hälfte ist dicht mit stark bearbeiteten Stimmen, die zweite überwiegend instrumental und offener. Resident Advisor beschreibt den Weg der Platte vom Chaos zur Ruhe, mit einigen sanfteren Inseln und einer leisen Coda. Dazu kommen Gitarren, Live-Schlagzeug und schwere Synthesizer, die der Platte einen fast live gespielten Klang geben. RA hört Schlagzeug und Bässe, die hart zuschlagen und bei Industrial und Jungle borgen, Beats per Minute eine klarere, zielstrebigere Produktion anstelle des gewohnten Dunsts, The Skinny Synthesizer, die nicht mehr warm klingen, sondern scharf und mit einer Färbung von New Wave.

Im Zentrum stehen Stimmen und das, woran Menschen glauben. Das Duo verarbeitet Fernsehprediger und Gebete, den islamischen Gelehrten Seyyed Hossein Nasr in „Prophecy at 1420 MHz“, Hare-Krishna-Gesang in „Naraka“, dessen Titel das Sanskrit-Wort für Hölle ist, Aleister Crowley in „All Reason Departs“ und einen Lehrfilm über die Entwicklung des Embryos in „The Word Becomes Flesh“. Treble liest das als Gegeneinander von Glaubenssystemen und als Frage, wem man überhaupt folgen kann. Für Resident Advisor ist es eine Kritik an Behauptungen über Unsichtbares, vor allem dort, wo sie Gewalt rechtfertigen. Am Ende steht in „I Saw Through Platonia“ die Aufnahme eines menschlichen Herzschlags, für RA ein Hinweis, dass der eigene Körper der verlässlichere Ausgangspunkt ist.

Einzelne Stücke heben die Kritiken besonders hervor. „Father and Son“ ist für The Skinny der Höhepunkt des Stimmenchaos, ein zerbrochenes Gespräch in wechselnden Tonhöhen, Treble lobt dort das Zusammenspiel von Stimme und Beat. „Age of Capricorn“ beschreibt Treble als beunruhigende Hymne aus drei Stimmspuren über spärlichen Synthesizern. „Hydrogen Helium Lithium Leviathan“ kommt laut Beats per Minute dem klassischen Klang des Duos so nah wie lange nicht. „Into the Magic Land“ trägt hallende Gitarren und eine höhlenartige Perkussion, „Deep Time“ gezupfte Streicher und Holzbläser, und „You Retreat in Time and Space“ klingt für RA mit Glocken und Hörnern wie ein Wiegenlied in der Morgendämmerung.

03 Einordnung

Für Resident Advisor und Treble ist „Inferno“ dunkler als alles, was das Duo zuvor veröffentlicht hat, und deutlicher in seiner Bedrohung als das okkulte „Geogaddi“ von 2002. Pitchfork versteht es als Untersuchung von Glauben, menschlicher Biologie und existenziellem Zweifel, AllMusic lobt die gläserne Klarheit der Produktion, und Uncut hält es im Zeitalter von sozialen Medien und KI für eine Platte zur rechten Zeit. Es gibt auch Gegenstimmen: Der Guardian war enttäuscht und hörte ein Album, das in der Vergangenheit feststeckt, Slant vermisst Neues seit „Tomorrow’s Harvest“ und findet die Themen hinter den stark bearbeiteten Stimmen schwer zu greifen, die Financial Times meint, die apokalyptischen Themen gingen auf Kosten der Musik.

Ein Album, das lange den Predigern zuhört und am Ende nur einem Herzschlag traut.

04 Mein Eindruck

„Inferno“ ist kein Album für nebenbei: Boards of Canada lassen über 70 Minuten Prediger, Propheten und Beschwörer sprechen, stellen sie gegeneinander und lassen am Ende nur einen Herzschlag übrig. Dass vertraute Klangfarben hier in offene Bedrohung kippen, macht für viele Kritiken den Reiz aus, für andere wie Slant ist es zu wenig Neues. Meine Empfehlung: Am Stück hören, abends und mit Kopfhörern, und wer erst einen Einstieg sucht, beginnt mit „Prophecy at 1420 MHz“ und „Father and Son“.