
„Incantations“ beginnt mit leisem Fingerpicking und kippt nach einigen Minuten in einen tranceartigen Groove. Mit dem fast acht Minuten langen Song eröffnet Radiohead-Gitarrist Ed O'Brien sein zweites Soloalbum „Blue Morpho“.
Ed O'Brien ist Gitarrist von Radiohead, sein Solodebüt „Earth“ erschien 2020 noch unter dem Namen EOB. „Blue Morpho“ ist das erste Album unter eigenem Namen, entstanden nach einer schweren Depression in den Lockdown-Jahren, geschrieben und produziert mit Paul Epworth und im Mai 2026 bei Transgressive erschienen. „Incantations“ ist der erste von sieben Titeln und kam im April als zweite Single heraus.
Laut O'Brien gehörte „Incantations“ zu den ersten Stücken, die in dieser dunklen Phase Gestalt annahmen, beim täglichen Spielen in seinem Musikzimmer, oft gemeinsam mit dem Keyboarder Luke Mullen. Der Song beginnt mit funkelndem akustischem Fingerpicking und baut sich langsam auf. Paste beschreibt, wie er zunächst auf ein ruhiges Ausklingen zuzusteuern scheint, bis ein knallender Snare-Schlag einen Groove zwischen Krautrock und Post-Rock auslöst und eine zuckende E-Gitarre das nächtliche Bild aufreißt. Under the Radar hört Schicht um Schicht aus Gitarren- und Synthesizermustern, eine klare, melodisch verschlungene Stimme und ein Crescendo aus Rhythmusgruppe, Gitarreneinwürfen und einem Klang, der an eine Harfe erinnert. Getragen wird das von Dan See am Schlagzeug, Nick Ramm und Luke Mullen an den Tasten und Crispin „Spry“ Robinson an der Perkussion, darüber legt die Sängerin Eska Harmonien, die Paste als tragendes Element des langen Aufbaus hervorhebt. In einigen Passagen wird der Songtitel fast beschwörend wiederholt.
Im Text geht es um die Geister der eigenen Vergangenheit, denen O'Brien lange ausgewichen ist. NME liest den Song als Versuch, sie zur Ruhe zu bringen und dabei nach einer größeren Form von Liebe zu suchen, die Irish Times hört Kindheitserinnerungen, die mit Beklemmung zurückkehren. O'Brien selbst vergleicht das Thema im Gespräch mit Rolling Stone mit dem Labyrinth aus der Theseus-Sage: Der Faden der Ariadne steht für Bauchgefühl und kleine Schritte, der Minotaurus für Ego, Ängste und Rollen, denen man sich stellen muss. Gegenüber Spin spricht er davon, erst durch die eigenen Ängste hindurchgehen zu müssen, bevor man die Schönheit im Dunkeln erkennen kann.
„Incantations“ gibt als Opener die Richtung des Albums vor. NME beschreibt ihn als hypnotischen Psych-Folk und als Einstieg in eine Intimität wie am Lagerfeuer, die Irish Times als kargen Auftakt, bevor die Platte experimenteller wird, und vergleicht O'Briens Gesang mit Jeff Buckley. Clash hebt den Krautrock-Teil hervor und sieht darin O'Brien bei dem, was er am besten kann: eigenwillige Gitarrenlinien. Under the Radar zählt den Song zu den Höhepunkten seiner Laufbahn, Scummy Water Tower empfiehlt ihn als Einstieg in O'Briens Solowerk.
Ein Lied, das seine Geister nicht vertreibt, sondern ihnen entgegengeht.
„Incantations“ lebt von seinem langen Atem: Aus stillem Fingerpicking wird über fast acht Minuten ein Krautrock-Groove, während O'Brien sich durch sein eigenes Labyrinth bewegt. Meine Empfehlung: abends und in voller Länge hören, ohne vorzuspulen, denn der Moment, in dem die Snare einsetzt, wirkt erst nach dem ganzen Anlauf.