
„Boney“ ist ein altes Seemannslied über Napoleon, das kaum je aufgenommen wurde. Jake Xerxes Fussell macht daraus auf seinem Album „The Old Beloved Path“ ein ruhiges, karges Stück über einen Kaiser, von dem nur Bruchstücke übrig sind.
Jake Xerxes Fussell stammt aus Columbus, Georgia, sein Vater ist der Folklorist Fred C. Fussell. Seit Jahren arbeitet er sich durch alte Volkslieder und Arbeitslieder und arrangiert sie neu. „The Old Beloved Path“ ist sein sechstes Studioalbum, erschienen am 18. September 2026 bei Fat Possum, produziert von Ben Whiteley. „Boney“ steht an fünfter Stelle von neun Titeln und erschien im August vorab als Single, zusammen mit „Boll Weevil“.
Fussell zufolge war „Boney“ vermutlich ein sogenannter „short drag“, ein kurzes Arbeitslied, mit dem Seeleute den Takt für eine knappe Zugarbeit an Bord hielten. Das Lied überlebte die Zeit der Segelschiffe, der Musikforscher Sam Eskin und der Sänger Paul Clayton nahmen später eigene Fassungen auf. Hot Press datiert seine Entstehung auf die Jahre nach Waterloo.
Der Text erzählt Stationen aus dem Leben Napoleon Bonapartes, aber lose geordnet und mit Lücken. Je nach Fassung interessiert er sich mehr dafür, wie der Kaiser tanzt und flucht, als für seine Siege und Niederlagen, in manchen Versionen zieht er neben den Alpen sogar über die Rocky Mountains. Fussell selbst beschreibt das Lied als seltsam gebrochenes Porträt einer gewaltigen und schwierigen Figur, und gerade die abseitigen Details mag er daran.
Klanglich bleibt der Song sparsam. Klof Mag hört ihn als Klagelied: eine langsame elektrische Gitarrenlinie, ein karges Klavier als Rahmen, darüber Fussells melancholisch gefärbte Stimme, und ein gleichmäßiger Puls, der an die Arbeit an Deck erinnert. Scummy Water Tower beschreibt die Gitarre als schimmernd und lobt, wie gut Fussell das Tempo seines Vortrags setzt. Eingespielt wurde das Album in North Carolina, mit Musikern wie Dominic Billett, Isa Burke, Wayne Horvitz und Ken Whiteley.
„The Old Beloved Path“ besteht bis auf den instrumentalen Opener aus traditionellen Liedern, die Fussell neu arrangiert hat. Innerhalb dieser Sammlung wird „Boney“ besonders hervorgehoben: Klof Mag zählt es zu seinen besten Songs überhaupt, für Scummy Water Tower ist es einer der Lieblingstitel des Albums. Hot Press nennt die Bearbeitung eine leise, fesselnde Fuge, und For Folk's Sake nimmt den Song als Beispiel dafür, wie sich alte Lieder mit Ort und Haltung der Sänger verändern.
Ein Kaiser in Bruchstücken, gesungen im Takt der Arbeit an Deck.
„Boney“ zeigt, was Fussell am besten kann: ein fast vergessenes Arbeitslied so behutsam zu arrangieren, dass aus einer lückenhaften Napoleon-Ballade ein ruhiges, schwebendes Stück wird. Meine Empfehlung: An einem stillen Abend hören, aufmerksam für die Geschichte im Text, und danach gleich „Boll Weevil“ hinterher, die zweite Single aus demselben Paket.